─   GESCHICHTE DES SCHÜTZENAUSMARSCHS   ─   TEIL 3   ─



Die Zugspitze in der Schmiedestraße (vorn rechts das originale Leibnizhaus, jetziger Standort
des „Brauhaus Ernst August“):




„Deutsches Bundesschießen“ 1872

1869 war das 1. „Nordwestdeutsche Bezirksschießen“ ins Hannoversche Frei­schießen eingepflanzt, was dem Schützenausmarsch 350 zusätzliche Teilnehmer von außerhalb bescherte. Mehrere weitere dieser Zusammenlegungen sollten noch folgen. Völlig den Rahmen sprengte die Gastgeberschaft für das 4. „Deutsche Bundesschießen“ im Jahr 1872. Bundesschießen wurden nur in die größten deutschen Städte vergeben, unabhängig vom Maß des vor Ort gelebten Schützen­brauchtums, und sie schlossen immer gewaltige Festumzüge ein. Hannover befand sich da sogar ziemlich am unteren Rand. Für eine deutsche Zentralveranstaltung besaß die Stadt eigentlich keine genügend repräsentative Kulisse (der Karmarsch­straßen-Durchbruch zur Öffnung der Altstadt war noch nicht angegangen, die Verschiebung des Zentrums auf die Georgstraße erst halb bewerkstelligt). Als zusätzliches Problemfeld kamen die jüngsten politischen Ereignisse hinzu. Ein Jahr nach dem Entstehen des Deutschen Kaiserreichs rechnete man damit, daß die verschiedenen Lager hart aneinandergeraten würden. Das Deutsche Kaiserreich war ja unter Ausschluß Österreichs begründet worden, aber weil das vorherige Bundesschießen in Wien stattgefunden hatte, mußten zur feierlichen Übergabe des Bundesbanners zwingend Österreicher in Hannover teilnehmen...

Nachmittags am Sonntag, den 14. Juli, setzte sich der Festumzug vom Schloß Herrenhausen aus in Bewegung. Die fast 8 km lange Strecke führte zunächst durch Parklandschaft auf der Herrenhäuser Allee (wo ehedem die Schützen der Calenberger Neustadt langmarschiert waren). Dann ging es hinein in die von den Einwohnern gut geschmückte Stadt. Beflaggt hatten sie vornehmlich mit den neuen Nationalfarben Schwarz-Weiß-Rot, aber auch Schwarz-Rot-Gold war öfters zu sehen, und das Gelb-Weiß des Königreichs bzw. der preußischen Provinz Hannover sowieso. Diesbezüglich sind die Fahnendarstellungen in dem oben abgebildeten Stich leider vermurkst. 7-8.000 Schützen zogen durch Hannover - viel mehr als je zuvor. Angeführt wurden sie von einer Reiterstaffel und vier Wagen, ansonsten soll sich die Pracht in Grenzen gehalten haben. Dennoch ergaben auch die Schützenblöcke ein neuartiges Bild, indem die auswärtigen Schützen meist mit Joppen (= Schützenjacken) aufliefen. Dagegen fielen die Sektionen der nicht-uniformierten hannoverschen Schützen - die umstrittene Teilnahmepflicht galt übrigens auch hierfür - natürlich ab. Im Zug befanden sich unter anderem einige Dutzend deutschstämmige US-Amerikaner überwiegend aus New York. An Österreichern marschierten sage und schreibe 400 Mann, die vehement ihr Deutschtum bekundeten und durchweg mit Beifall bedacht wurden. Zielort des Umzuges war der heillos überfüllte Schützenplatz, wo der VfF 62 das Hauptfestzelt hatte aufstellen lassen. Manch einer der Österreicher kam dort noch in den Genuß, mit einer jungen Hannoveranerin tanzen zu dürfen. Alles in allem muß man sagen, war „1872“ kein Markstein im Aufbau des hannoverschen Schützen­brauchtums gewesen. Eher scheinen sich die Leute von dem Wahnsinn abgestoßen gefühlt zu haben. Für die Schützenausmärsche 1873 wurde jedenfalls eine selten schwache Beteiligung und Zuschauergunst notiert.


Pause des Umzuges am Hoftheater/Opernhaus zwecks Übergabe des Bundesbanners an Hannover (wenn es davon solch ein Photo gibt, fragt man sich, warum wir keine weiteren Photos vom Schützenausmarsch aus
dem 19. Jahrhundert kennen...):




Eine damals angefertigte Collage über das Bundesschießen 1872 zeigt auch diese Szene des Zuges. Für wie realitätsnah man das halten kann, läßt sich nicht beurteilen:



Schon zum Nordwestdeutschen Bezirksschießen 1869 war eine derartige Collage erschienen. Wenn man so möchte, ist diese umständliche Darstellung dann nach 1601 das älteste Bildmotiv zum Schützenausmarsch:





Wankzeit 1870er-1890er Jahre

Mit größter Spannung wurde der Schützenausmarsch 1875 erwartet. Nachdem die Stadtbehörde in Form der verordneten Teilnahmepflicht 50 Jahre lang wahrlich Alles für die Aufrechterhaltung der hannoverschen Institution getan hatte, wechselte die vorrangige Verantwortung nun eindeutig wieder auf Seiten der Einwohnerschaft. Und siehe da, es war viel los am Montagmorgen. Durch dicht von Zuschauern gesäumte Straßen zog eine erkleckliche Anzahl Schützen. 1875 sollte auch zum Beginn des Einstiegs „sonstiger Gruppen“ werden. Vertreter anderer Kulturzweige, v.a. Gesangsvereine, Kriegervereine, Turnvereine und der Arbeiter­verein, hatten zur Unterstützung des Schützenausmarschs ihre Mitwirkung als Zugteilnehmer vereinbart, nicht ohne sich auch gleich noch um die zusätzlich erforderlichen Kapellen zu kümmern. Man konnte erleben, daß Hannovers Stadtgemeinschaft funktionierte! Von den sonstigen Gruppen entwickelten sich zweie irgendwann (Zeitpunkt unbekannt, wahrscheinlich erst im 20. Jahrhundert) zu Auch-Schützenvereinen, und zwar einmal der „Harmonieklub“, der eigentlich mit Chor, Orchester und Redebeiträgen Unterhaltungsabende veranstaltete, sowie der „Neue Georg-Verein“, welcher sich normalerweise mit dem Gedenken an das vergangene Hannoversche Königshaus beschäftigte. Ferner brachte der Arbeiter­verein Hannover später die „Schützengesellschaft Lauenrode“ hervor. Die drei genannten zählten dann folglich zu denjenigen Schützenvereinen mit den ältesten Wurzeln im Zug.

Auch Jugendliche wollten sich für die Zukunft des Schützenausmarschs einsetzen. Direkt als Teilnehmer mitzugehen war ihnen aber verwehrt. Was konnten sie also tun? Es ist rätselhaft, wie dies angeleiert wurde, und vielleicht war es auch damals ein Geheimnis: Mehrere hundert (!) Halbwüchsige stellten sich, geschmückt mit Kränzen und Sträußen, in militärischer Ordnung vor (!) dem Startpunkt auf. Sie marschierten einfach vorweg. Und wer würde es wagen, sie zu verbannen, schließlich war ja Volksfest. Dieser Jünglingstrupp behauptete sich erstaunlich gut. Er überstand sogar die jahrelange Pause wegen des 1.WK, obwohl die Besetzung danach eine komplett andere gewesen sein muß, und bezifferte sich auch dann wieder auf mehrere Hundert. Während der Weimarer Republik verfiel allerdings sein Erscheinungsbild; rauchende Flegel machten die Zuschauer zornig. Man kann annehmen, daß der Jünglingstrupp in der Nazi-Zeit beiseitegeräumt wurde.

Nach ein paar Jahren passierte dann doch, was man befürchtet hatte: Das Interesse am Schützenausmarsch sank bedrohlich. Für das Jahr 1883 können wir uns dank einer Quelle ein recht genaues Bild vom Umfang und der Zusammen­setzung des Zuges machen. Neben den beiden einzigen Schützen­vereinen USG 37 und VfF 62 marschierten elf „Sektionen“ hannoverscher Bürger aus (in Sektionen zu plusminus 13 Mann gliederte sich das Feld der eingetroffenen Teilnehmer kurzfristig am Startpunkt). Drei Sektionen müssen von besonderer Qualität gewesen sein, denn sie waren speziell nach Personen benannt und zudem gezielt als erste Schützen­blöcke in den drei Abteilungen/Zügen angeordnet. Hinzu kamen die separat aufgestellten Siegschützen des Vorjahres. Eine weitere Gruppe bildeten noch auswärtige Schützen, die jedoch nur deshalb mitgingen, weil 1883 das „Nordwestdeutsche Bezirksschießen“ auf dem Hannoverschen Freischießen drauflag. Angefüllt war der Zug mit zehn tapferen sonstigen gesellschaftlichen Vereinen. Wieviele Kapellen der Zug enthielt, wurde nicht erwähnt. Wenn das insgesamt nach einem durchaus brauchbaren Umzug anmutet, täuscht der Eindruck. Die Basis des Schützenwesens verschmälerte sich absolut zu vorher­gehenden Zeiten und relativ zur wachsenden Stadt. Um dramatisch an jeden einzelnen Hannoveraner zu appellieren, sollen Anfang der 1880er Jahre gar unbefugte Privatleute frühmorgens in den Straßen getrommelt haben!

1888 wurde als neuste Idee ein „Jagdzug“ in den Schützenausmarsch eingeführt. Verbindungen zum Jagdwesen hatten schon längst bestanden, so stifteten Jäger Preise für Schießwettbewerbe, von denen einer beim Freischießen auf die Jagdscheibe stattfand. Über die Gestaltung des Jagdzuges gibt es keine Auskunft, leicht vorstellbar sind jedenfalls Jagdhunde an der Leine, Präsentation von Geweihen, Jagdhornblasen. Größtenteils handelte es sich um Mitglieder des „Hannoverschen Jagdklubs v. 1878“, die sich hier starkmachten. Der HJK 78 war als Interessenvertretung für das Jagen in städtischen Gebieten (u.a. Eilenriede, Bult, Tiergarten) gegründet worden, konnte sein Anliegen gegenüber der Stadtbehörde aber nicht durchsetzen und stand deshalb etwas inhaltsleer da. Kaum im Schützenmilieu eingetroffen, fingen sie sofort Feuer. Schützenmäßiges Schießen auf jagdartig sich bewegende Ziele, d.h. „Laufende Scheiben“ und Tontauben, das wollten sie von nun an betreiben. So wurde der HJK 78 zum Schützenverein im Gewande einer Jägerschaft. Blieb er in der Bedeutung zunächst hinter den wenigen anderen Vereinen zurück, sollte er aus der gewaltigen Vereinslandschaft des 20. Jahrhunderts sogar noch hinaussteigen. Besonders die 1920er bis 1950er Jahre markieren sein goldenes Zeitalter. Kein anderer Schützenverein Hannovers erreichte Größenordnungen wie er, kein anderer erlangte je diesen Status im Stadtleben, kein anderer engagierte sich in der Geschichte dermaßen für den Schützenausmarsch. Der HJK 78 und zugleich die von 1964/65 datierende Ab­spaltung „Niedersächsischer Jagdklub Hannover“ (NJK) werden noch in Statistiken der 1990er Jahre als deutlich größte Schützenvereine - mit zusammen­gerechnet 600 Mitgliedern - ausgewiesen.

Bevor es dazu kommen konnte, verschärfte sich die Krise des Schützenausmarsches Anfang der 1890er Jahre erstmal noch mehr. Die Stadtbehörde tat wieder ihr Möglichstes zur Rettung, indem sie die Anzahl der beim Freischießen zu ge­winnenden Hausfreiheiten großzügig erhöhte. Wie durch ein Wunder trat 1893 andererseits ein neuer Schützenverein ins Geschehen ein, die „Nordstädter Schützengesellschaft“. Es war eine Gründung ohne strukturelle Zusammenhänge, weder daß es Voranzeichen gab, noch daß ein Nachahmungseffekt ausgelöst wurde. Nordstadt 93 schaffte aber auf Anhieb einen Marschblock vergleichbar mit USG 37 und VfF 62 aufzubieten. Damit konnte man sich nun auf vier stabile Schützenvereine verlassen - immerhin.


Mangels Bildern zum konkreten Beitragsthema gibt es eines vom ersten Musikpavillon auf dem Schützenplatz, zu dessen Füßen stets der Schlußakt des Schützenausmarschs vonstatten ging (gegen Ende des Jahrhunderts wurde das Holzkonstrukt durch einen Nachfolgebau aus Stein und Metall ersetzt - dazu hier klicken):





Dicht gesäumte Streckenränder noch 1995 (Aufnahmen eines Musikzuges aus Chile
in der Georgstraße-Südostflügel, in der Lavesstraße und auf dem Schützenplatz):




Rekonstruktion der Atmosphäre

Als Hannover nur die Größe der Altstadt hatte, wird jeder Einwohner den Schützenausmarsch gesehen haben. Wenn nicht alle drei am Montag, Dienstag und Mittwoch, so doch wenigstens einen davon. Das erklärt sich aus der Kombination der Umstände, daß der Zug überall im gesamten Stadtgebiet unterwegs war, und daß ertönende Musik unwiderstehlich anziehend gewirkt haben muß zu Zeiten, als man sie ausschließlich live gespielt hören konnte, nicht auf Tonträgern oder per Rundfunk. Auch war die Quote der Familien, von denen ein Mitglied am Zug teilnahm, vergleichsweise hoch. Daraus ist jedoch nicht zu folgern, daß die Streckenränder dicht gesäumt gewesen wären, denn dafür hatte Hannover insgesamt viel zu wenig Einwohner, und schaulustige Auswärtige werden unter der Woche morgens auch kaum angereist sein. Es sich an der Strecke mit Speis und Trank gemütlich zu machen, wie es jetzt im 21. Jahrhundert gern geschieht, war trotz des Freiraums wiederum nicht angebracht, weil es sich nämlich nicht lohnte. Die Durchlaufzeit des Zuges lag historisch unvorstellbar niedrig, 1896 betrug sie beispielsweise zehn Minuten! Heute braucht allein der Vorzug schon länger... Hierzu sollte man aber bedenken, daß Schützenumzüge grundsätzlich deutlich schneller in der Bewegung sind als etwa Karnevalsumzüge, und zumal auf straffe Marschordnung geachtet wurde, konnte da innerhalb von zehn Minuten sehrwohl eine Masse an Schützen und Musikern am Zuschauer vorbeiziehen. Schon gar nicht nahm man sich extra zum Beiwohnen des Schützenausmarschs frei oder reiste von weither an. Vielmehr wurde das Ereignis als Unterbrechung in den Tagesablauf integriert. Statt im Voraus an den Streckenrand zu pilgern, ging man eher kurzfristig vor die Tür oder ans Fenster. Rund um den Marktplatz herrschte dennoch bereits weit vor Beginn einiger Trubel, wie der Erlebnisbericht von 1836 schilderte. Frauen riefen aufgeregt-ungezügelt inhaltsarme Texte durch die Gegend („Gleich mar­schieren sie los!“). Manche von ihnen liefen dann teils oder ganz die Strecke neben einem angehörigen Schützen her. Das wäre heute auch wieder möglich, doch würde man jetzt Wege hinter den lückenhaften Zuschauerreihen nehmen, wohingegen damals die Zuschauer offenbar so locker standen, daß es nicht unhöflich war, noch auf der Straße mitzulaufen.

Zum anbrechenden 20. Jahrhundert veränderte sich die Atmosphäre grundlegend. Der Schauwert stieg durch die Uniformierungen immens an. Damit kann der Schützenausmarsch vor dem 1.WK als schönster in der Geschichte gelten, denn im Kaiserreich trugen auch die Zuschauer bestmögliche Kleidung, außerdem hatte sich Hannover inzwischen ein tolles Stadtbild zugelegt, bevor dieses wieder zerstört wurde. Bevölkerungszunahme und Eigendynamik sorgten für Dimensionssprünge bei Zuggröße und Zuschaueraufkommen. Dauerte der Durchlauf in den 1900er Jahren eine Viertelstunde, registrierte man vor und nach dem 1.WK bereits eine halbe Stunde, Ende der 1920er Jahre eine ganze Stunde, im Dritten Reich anderthalb. Der Veranstaltungscharakter wandelte sich völlig, und jeder Beteiligte spürte es, hier ging etwas Einzigartiges vor sich. Keiner wollte den auf Montag konzentrierten Schützenausmarsch verpassen. Wenn das denn so leicht gewesen wäre - ohne kämpferische Einstellung hatte man keine Chance mehr auf einen Blick. Man mußte sehr früh erscheinen, oder irgendwo draufklettern bzw. sich etwas zum Draufsteigen mitbringen. Nach dem 2.WK waren auch Baugerüste und Dächer gut besetzt. Selbst hinter (!) den Tribünen tummelten sich Leute auf der Suche nach Sichtspalten. Heißbegehrt waren natürlich Fensterplätze entlang der jeweiligen Strecke, die man vielleicht als privater Gast bekommen oder anmieten konnte. Von der Geräuschkulisse her muß angesichts des Menschenauflaufs erhebliches Gemurmel in der Luft gelegen haben, versetzt mit viel Kindergeschrei. Die Musikklänge werden allmählich darin auf- und abgetaucht sein, grundsätzlich weitaus weniger klar zu vernehmen als unter den heutigen Bedingungen. „Sie kommen!“ gehörte als Ausruf auch mit zum Schützenausmarsch, wenn vorwitzige Späher ihn wellenartig über die ganze Strecke schwappen ließen. Führt man sich die spiralförmigen Streckenverläufe vor Augen (zudem die längeren Distanzen und kürzere Durchlaufzeit im Vergleich mit heute), ist zu mutmaßen, daß viele Zuschauer den Zug zweimal zu sehen versuchten. Wahrscheinlich rannten darum, während außen entlang die Schützen und Musiker marschierten, tausende Menschen durch die Innenstadt. Die Strecke endete auch im Bewußtsein der Zuschauerschaft nicht am Rand des - jeweiligen - Schützenplatzes, sondern erst vor dem Rundteil. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde öfter von tumultartigen Szenen auf den letzten Streckenmetern berichtet, wo die Ordnungshüter es nicht schafften, die Bahn freizuhalten. Offenbar drängten dort mit dem Mute der Verzweiflung Leute zusammen, die bis dahin noch nichts gesehen hatten, oder die anderweitig in jenem Moment nicht verarbeiten konnten, daß es wieder ein Jahr lang nicht möglich sein würde, den Schützenausmarsch zu erleben.

Wie ist es zu erklären, daß die Hannoveraner bis 1973 massenweise am Montagmorgen Zeit hatten? Grundlage war zunächst einmal die Legitimierung durch die Macht der Tradition, die Strahlkraft als Allgemeingut. Schützen und Musiker durften überall freinehmen, anders hätte es nicht funktioniert und wäre längst abgeändert worden. Für das 19. Jahrhundert, wo Bevölkerungskreise gesetzlich zur Teilnahme genötigt waren, ist das sogar noch untertrieben. Als Zuschauer pflegte man früher viel stärker als heute die Sitte, sich dem durch­gelaufenen Zug anzuschließen und mit zum Schützenplatz zu ziehen (um dort zu feiern). Daraus ist abzuleiten, daß auch sie meist einen Urlaubstag eingeplant hatten. Frauen standen geschichtlich überwiegend eh nicht in einem Dienst­verhältnis. Doch dann gab es ja auch noch Berufstätige, die eigentlich am Arbeitsplatz erscheinen mußten. Hierzu ist bekannt, daß die Arbeit in vielen Betrieben, Geschäften und Ämtern an dem Tag erst um 9:30 oder 10 Uhr begann. Die betreffenden Arbeitnehmer werden demnach Zuschauerplätze an den vordersten Streckenabschnitten eingenommen haben. Doch man konnte es noch mehr ausreizen, denn Volksfest bedeutet(e) „höhere Gewalt“. Verspätungen wegen tatsächlicher oder angeblicher Verkehrsbehinderungen wurden toleriert, ebenso auch ein Schwips, sofern nicht vollends unverträglich mit dem Arbeitsplatz. Und für die Jüngsten fiel der Schützenausmarsch oft in die Sommerferien. Andernfalls entschied die Stadtbehörde willkürlich manchmal auf hannoverweit schulfrei (z.B. im letzten Montagsjahr 1973), manchmal nicht (z.B. 1972). War die Schulpflicht nicht aufgehoben, herrschte das große Vermissen. Teils vermißte man die Jugendlichen und Kinder gegenüber anderen Jahren am Streckenrand, teils vermißte man sie jedoch in der Schule... Zum Schwänzen wurden sie allein schon über die sogenannten Vormärsche der Schützenvereine angeregt, die frühmorgens durch die Wohngebiete führten. Alles in allem scheint der Schützenausmarsch-Montag zwar nicht solch ein inoffizieller Feiertag gewesen zu sein wie heute der Rosenmontag im Rheinland, sondern etwas auf halbem Wege dazwischen. Aber offensichtlich waren neben den erwartbar-gesicherten Abläufen für den Nerven­kitzel einige Unwägbarkeiten gewollt.

Wenig Fundiertes läßt sich zur Streckenschmückung sagen. Da bis etwa Mitte des 19. Jahrhunderts Stadtschmückung (zur Schützenfestzeit) und Streckenschmückung (für die Schützenausmärsche) auf das Gleiche hinausliefen, kann man sich Agilität zumindest lebhaft vorstellen. Typisches Dekorationsmittel waren aus der Geschichte heraus Laubgirlanden, entweder an den Häusern befestigt und dabei meist in kleinen Schwüngen hängend, oder straff quer über die Straße gespannt. Das aus heutiger Sicht wichtigste Dekorelement bei Schützenumzügen, nämlich Wimpelketten, kam in Hannover dagegen nie vor. Für Fahnen und Bänder soll ab Einführung als Landesfarben im Jahr 1837 viel die Farbkombination Gelb-Weiß verwendet worden sein, möglicherweise noch bis Anfang der 1950er Jahre, als dann hauptsächlich zu den allgemeinen Schützenfarben Grün-Weiß übergegangen wurde. Die hannoverschen Stadtfarben Rot-Weiß fehlten natürlich auch nicht. Zu welchen Teilen einerseits die Stadtbehörde, andererseits die explizit aufgerufenen Anwohner für die Schmückung sorgten, ist nicht mehr herauszufinden. Nach dem 2.WK entstand dann eine Innenstadt mit kaum noch Wohnbebauung. Stattdessen waren nun am stärksten die Firmen gefordert, deren Mitarbeiter beim durch­ziehenden Schützenausmarsch ohnehin an den Fenstern standen. Ihre rührigen Beiträge reichten von Laubgirlanden über Fähnchengestelle und Luftballontrauben bis zu aufwendigen Spruchbändern. Durch die Terminverschiebung auf Sonntag wurde schließlich auch dieses Leben am Streckenrand ausgehaucht.








Die Beflaggung auf dem Schützenplatz gemäß farbigen Darstellungen auf Ansichtskarten der 1890er Jahre
mag als Anhaltspunkt für das Bild entlang der Strecke dienen:






Festzelt der Bürgerschützengesellschaft (unter ihrem späteren Namen):



Bürgerschützengesellschaft Hannover

1897 beteiligten sich nahezu keine Bürger mehr spontan am Freischießen und mithin am Schützenausmarsch. Nach damaliger Anschauung litt darunter der Volksfest-Charakter. Das Schützenkollegium verfolgte jetzt den Plan, über die Bürgervereine neue Bevölkerungskreise heranzuholen. Was ist unter „Bürger­vereinen“ zu verstehen? Kurz gesagt ging es ihnen um die Anhebung der Lebensumstände im jeweiligen Wohnumfeld. Man unterstützte die Stadtbehörde, forderte aber auch von ihr und kritisierte sie. Dazu war es wiederum erforderlich, sich auf Versammlungen auszutauschen und gemeinsame Statements zu formulieren. Bürgervereine agierten vor allem in unfertigen, stürmischen Stadtvierteln, namentlich in den Gegenden Hannovers mit den inoffiziellen Benennungen Nordstadt, Oststadt und Südstadt, sowie den frisch eingemeindeten Stadtteilen List, Vahrenwald, Hainholz. Welch sagenhaften Erfolg ausgerechnet dieser Plan bringen würde, damit hatte niemand gerechnet. Die Bürgervereine beschlossen, massiv in den Schützenausmarsch einzutreten (und auch ein Festzelt auf dem Schützenplatz zu betreiben). Im Unterschied zu den ab 1875 ein­gestiegenen gesellschaftlichen Vereinen wollte man wirklich mit Gewehr aus­marschieren, um am Schießwettbewerb teilzunehmen.

Schon 1898, amtlich 1899, wurde die „Schützengesellschaft der Bürgervereine“ gegründet, umgangssprachlich „Bürgerschützengesellschaft“ genannt. Andernorts mag das Wort „Bürger“ im Namen von Schützenvereinen für verschiedene andere Definitionen stehen (unreligiös, elitär, nicht elitär, zivil, oppositionell), hier also für die Herkunft aus den Bürgervereinen. Sie stellte sich wie ein Verband auf, dem zahlreiche Mitgliedsgruppen angehörten. Die Mitgliedsgruppen hießen meist selbst auch „Bürgerschützengesellschaft (XY)“, aber nicht alle. Im Gegenzug kam diese Namensbildung auch bei Schützenvereinen vor, die mit der Organisation nichts zu tun hatten (u.a. BSG Linden, BSG Herrenhausen). Zudem gab es Schützenvereine mit Ursprung in einem Bürgerverein, die den selben Prozeß außerhalb der BSG durchmachten. Einige Schützenvereine anderen Hintergrunds traten dem Bündnis irgendwann mal bei, während manche Mitgliedsgruppen früher oder später lieber selbständig sein wollten und es verließen. Verwirrend ist des Weiteren, daß verschiedene (ehemalige) Mitgliedsgruppen eine vor 1898 liegende Jahreszahl im Namen zu führen begannen... Man sieht, es war eine gleichermaßen nebulöse wie hervorragend organisierte Erscheinung. Doch worin lag der Nutzen dieses speziellen Aufbaus? Konnte man etwas gemeinsam stemmen, was in anderer Form der Zusammenarbeit nicht möglich gewesen wäre? Vielleicht handelte es sich um glühende Patrioten, aber um nicht ganz so begeisterte Schützen, die über ihren mächtigen Verband verhindern wollten, daß sie von den anderen Schützenvereinen untergebuttert werden.

Beim Schützenausmarsch bildete die Bürgerschützengesellschaft einen „Zug im Zug“. Ihre 10 bis 15 Mitgliedsgruppen gingen zwar getrennt, jedoch immer alle hintereinander weg. Bereits im Einstiegsjahr verhalf sie dem Schützenausmarsch durch ihren unglaublichen Zuschuß von etwa 500 Mann in über 40 Sektionen zu einem auffallenden Sprung nach oben, und dieses Niveau sollte der BSG-Block auch konstant halten. Nach der Erhöhung der Zuganzahl auf vier (1927) füllte die BSG zusammen mit Nordstadt 93 einen kompletten Zug aus. Als Einheitskleidung trugen die Bürgerschützen zunächst schwarzen Gehrock und Zylinder. Jene damalige Modetracht war offenbar schnell und günstig zu beziehen. Von vornherein sollte das aber nur eine Zwischenlösung darstellen. Allmählich tauchten sich die Mitgliedsgruppen in grüne oder graue Schützenuniformen. Obwohl die Umkleidung bis zum 1.WK abgeschlossen war, traten sie auch danach mit „schwarzen Sektionen“ an, und zwar weil sich das Publikum dann besonders über diese Auflockerung des Gesamtzuges freute. Manche Schützenfeste im nordwest­deutschen Raum sind bis heute von schwarzer Schützenkleidung geprägt (stets damit verbunden, daß die betreffenden Schützenvereine nie eine Damenabteilung eröffnet haben). Am Schützenausmarsch Hannover nehmen - außer den Bruchmeistern und der Abordnung ehemaliger Bruchmeister - regelmäßig Schützen aus Burgdorf, Hildesheim, Großenheidorn und Blomberg in diesem Gewand teil.

Trotz der erzeugten Aufbruchstimmung entwickelten sich parallel zur Bürger­schützengesellschaft nur zögerlich neue Schützenvereine (was darauf hindeuten könnte, daß für Vereinsgründungen hohe Hürden genommen werden mußten, und dies dann noch ein wichtiger Grund für das Konstrukt der Bürgerschützen­gesellschaft mit den Untergruppen wäre). 1899 entstand die wenig florierende „Schützengesellschaft Kleeblatt“. Erst mit der 1902 gegründeten „Hannoverschen Schützengesellschaft“ läßt sich die Transformation des hannoverschen Schützen­wesens als vollbracht bezeichnen. Lange Zeit hatte man nicht wahrhaben wollen, daß dieser Weg gegangen werden mußte. Nun aber konnten die Beteiligten ihre Leistung kaum fassen. Jahr für Jahr schauten sie sich ungläubig um, wenn sie zum Abschluß des Schützenausmarschs auf dem Rundteil standen. Auch noch 1914 durfte in der Ansprache des Schützensenators der Satz nicht fehlen, der das lodernde Gefühl beschrieb: „Wir sind stolz darauf, dieses unverfälschte Stück ‚Alt-Hannover‘ in die Gegenwart des Großstadtlebens hinübergerettet zu haben, und wollen es in treuer Heimatliebe erhalten!“ Von all den Schritten dorthin war kein einzelner der ultimative oder unerläßliche, aber die Formierung der Bürger­schützengesellschaft kommt dem am nächsten! Und wohlgemerkt, obwohl der Schützenausmarsch sich regelrecht neu erfunden hatte, wollte man ihn gerade jetzt unbedingt traditionell verstanden wissen. Bisweilen wurde in jenen Tagen selbst die augenblickliche Durchführung „historisch“ genannt.

Die Bürgerschützengesellschaft ging im 2.WK unter. Mit ihr verschwanden auch einige Mitgliedsgruppen (z.B. List 76, Weststadt 98, Hainholz 25, Zentrum). In der Regel konstituierten sich die Gruppen aber als eigenständige Schützenvereine neu. Nordstadt 05, Südost-Heidorn, Fernrode, Cellerstraßen-Distrikte und Oststadt 01 gestalteten noch jahrzehntelang das hannoversche Schützenwesen mit. Heute sind vier Abkömmlinge übriggeblieben: Südstadt 98, Nördlicher Stadtteil 06, die SG Vahrenwald und die JSG Kleefeld.


Postkartenmalerei zum allerersten Auftreten der Bürgerschützengesellschaft im Jahr 1898:








Die „Reiterei“

Pferde waren beim Schützenausmarsch bis dahin nur punktuell vertreten gewesen, so gerade erst 1897, als die USG 37 mal zwei reitende Herolde (= historische Boten) beisteuerte. Wenn die neue Bürgerschützengesellschaft in dieser Hinsicht Optimierungsbedarf sah, kam das nicht von ungefähr, denn auch in den Bürger­vereinen drehte sich von Haus aus vieles um Verschönerungen. Der Schützen­ausmarsch sollte eine ständige sogenannte Reiterei bekommen. Für die übrige Schützenszene muß es eine Schmach bedeutet haben, daß diese plötzlichen Neueinsteiger schon 1898 bei ihrer ersten Beteiligung mit einer Staffel von 28 Pferden am Start waren. Damit hatte man auch gleich den idealen, dauerhaften Größenumfang getroffen. Das Reiterkollektiv setzte sich einfach aus solchen Mitgliedern der BSG zusammen, die auf diese Weise am Schützenausmarsch teilnehmen konnten und wollten. Ob die Reiterei organisatorisch eine eigene Untergruppe bildete, oder ob sie die Leute stets aus den Untergruppen rekrutierte, ist unbekannt. Als Kleidung der Reiter diente der schwarze Anzug und Zylinder wie bei den zu Fuß gehenden Genossen, aber mit dem Unterschied, daß es dabei auch immer blieb. Die vordersten drei stellten allerdings Lanzenträger und Herolde in den Stadtfarben dar. Im Widerspruch zu dem Ansinnen, den Schützenausmarsch allgemein aufzuwerten, stand nur die indifferente Plazierung innerhalb des Gesamtzuges. Soviel war klar, daß die Reiterei den riesigen Block der Bürger­schützengesellschaft anführte, doch konnte diese wechselnd im 1., 2. oder 3. Zug angeordnet sein (1898 im 2.). Rechnerisch ergab sich dann im jeweiligen Zug eine Stelle ziemlich weit vorn; die erste war es aber grundsätzlich nicht.

Nachdem die Bürgerschützengesellschaft mit dem 2.WK ihre Existenz beendete, firmierten die Reiter selbständig als berittener Schützenverein. Und zumal die alte Zugspitze aus Kanonieren, Ausrufer und Tambouren Geschichte geworden war, übernahmen sie beim Schützenausmarsch die Position ganz vorn. Ihr Name lautete jetzt „Gilde-Reiterei“. Anscheinend konnte im Zeitalter der vielen Wagen, Kutschen und weiteren Pferdegruppen das Image aber nicht gehalten werden. Irgendwann wußte niemand mehr, wofür „Gilde-Reiterei“ stehen soll. Unbedarfte dachten dabei zuerst an die hannoversche Brauerei. Der Verein selbst meinte, sein Ursprung hätte in einer berittenen Schutzeinheit gelegen, die einst Transporte von Kaufleuten bzw. Fuhrleuten bis in andere Städte begleitete, und das Wort „Gilde“ stamme halt von „Kaufmannsgilde“ oder „Fuhrmannsgilde“ ab (dort müßte auch der Grund für das unverständliche geführte Gründungsjahr 1884 zu suchen gewesen sein). Wie oben beschrieben, war die Reiterei jedoch direkt zur Zierde des Schützenausmarsches ins Leben gerufen worden. Woher die falsche Assoziation rührt, ist erklärbar: Anfangs fanden sich in der Staffel stark überwiegend berufliche Fuhrleute, schlicht deshalb, weil diese über guten Zugang zu Pferden verfügten. Das Wort „Gilde“ ging in Wahrheit darauf zurück, daß die Bürgerschützen­gesellschaft, als sie sich 1926 eine andere Rechtsform hatte geben müssen, bei jener Gelegenheit ihren Namen auf das knackigere „Bürgerschützengilde“ änderte. Bis Ende der 1960er Jahre bestand die Gilde-Reiterei auf jeden Fall in ordentlicher Größe, danach schwinden die Hinweise auf sie. Eines Tages fielen die Herolde raus, und die anderen trugen statt Zylinder nurmehr Reitkappen. Im 21. Jahrhundert war es ein schreckliches Siechtum, mit fünf Stück, vier Stück, zum Abschied 2022 noch drei Stück. Da sah die Polizeireiterkette vor ihr längst besser aus.













„Horrido“-Grüße und „Doubliertritt“-Kommando:



Exerzierhandlungen  /  Waffentragen

„Im Doubliertritt, Marsch!“ lautet das vielzitierte Startkommando. Außerhalb des Schützenausmarschs kommt der Begriff heute nirgends mehr vor, und auch in der letzten Bastion versteht ihn inhaltlich niemand. Es wird also eine Aufforderung erteilt, von der man nur weiß, daß sie nicht befolgt werden kann... Einstmals bewegte sich der Schützenausmarsch aber tatsächlich in diesen Frequenzen. Der Doubliertritt, 108 Schritte pro Minute von umgerechnet etwa 80 cm Länge, war beim Hannoverschen Militär des 19. Jahrhunderts als eine bequem-zügige Gangart abgeschaut worden. Durch die zunehmende Beschäftigung der Schützen mit den Zuschauern sowie den Einbau von „sonstigen Gruppen“ und Fahrzeugen ließ er sich irgendwann nicht mehr aufrechterhalten. Selbst als Worthülse kam man mit ihm ins Straucheln: 1979 wurde bemerkt, daß schon seit Anfang des Jahrhunderts „Doublierschritt“ statt original „-tritt“ gesagt worden war.

Ansonsten passierte früher - Infos sind erst aus dem Kaiserreich zu haben - am Startpunkt kaum etwas, da dort ja auch nur die allervordersten Zugteilnehmer zugegen waren. Insbesondere gab es bis zum 2.WK keine Rede des Stadt­oberhaupts, kein aus dem Jagdwesen übernommenes dreifaches „Horrido“, kein bestimmtes Lied als Auftaktmarsch wie das dann eingeführte „Alte Kameraden“. Man beschränkte sich auf minimale Ansprachen, Musikproben und Exerzier­kommandos (Gewehr präsentieren-senken-schultern), allerdings könnte dies möglicherweise im gesamten bereitstehenden Zug stattgefunden haben, jeweils angeleitet durch Kommandeure der Gruppen, denn das Fortschreiten der Zeit hatten ja alle genau im Blick. Los ging es am Marktplatz nach den Glockenschlägen und dem darauf folgenden Kommando „Erster Zug, vor euch! Im Doubliertritt, Marsch!“, also eben nicht wie als Eigenanspruch verkündet „präzise um 8 Uhr“, sondern präzise einige Sekunden später. Auf der Strecke waren dann Exerzier­handlungen weiter knapp bemessen. Nichtmal das Gehen in Formation wurde allzu streng gehandhabt, eher ist da eine Spur Unordentlichkeit das typische Bild vom Schützenausmarsch Hannover. Wenn es beim Vorüberkommen an bestimmten Stellen zu salutieren galt, geschah das auf die Art, daß der Sektionsführer mit Fingern an der Schläfe grüßte, der Fahnenträger das Gerät schräg oder waagerecht hielt, und die übrigen Schützen lediglich in die Richtung guckten. Nach dem 2.WK hätte es auf Höhe der Tribünen zu obligatorischen Verhaltensweisen kommen können, aber letztlich setzte sich immer das Ungezwungene und Spontane durch.

Das meiste Exerzieren erfolgte erst am Zielort, dem Rundteil des Schützenplatzes, und gehörte als Abschluß auch mit zum Schützenausmarsch. Nach 1848 war dort ein als Kanzel nutzbarer Musikpavillon entstanden, um den herum sich im großen Bogen die Schützen scharten. Vom Schützensenator und/oder einem der Deputierten wurde(n) nun die zentrale(n) Rede(n) gehalten. Den schönen und wichtigen Dingen widmete man im Chor „Hoch“s und „Hurra“s. An Liedern erklangen unbedingt der Preußische Präsentiermarsch, der auch heute bei der Bruchmeisterverpflichtung gespielt wird, und zum Mitsingen die beiden inoffiziellen Nationalhymnen („Heil dir im Siegerkranz“, „Wacht am Rhein“/„Es braust ein Ruf wie Donnerhall“). Die Gewehre wurden präsentiert-gesenkt-geschultert. Dann ging es für eine Mahlzeit in die Zelte, bevor man sich drei Tage lang dem Mix aus Schießen und Feiern hingab. In der Weimarer Republik erstickte das heimelige Gebaren auf dem Rundteil quasi an seiner eigenen Attraktivität. Das Eintreffen der Schützen aus dem ständig wachsenden Zug dauerte einfach zu lange, geschweige daß sie noch alle zusammen auf den Platz gepaßt hätten.

Historisch trugen die Schützen bei den Ausmärschen Gewehre mit sich, jeder einzelne. Es war üblich, ein Gewehr im Haushalt zu haben, evtl. wurde das Vorhandensein noch in neuerer Zeit sogar als Bürgerpflicht von der Stadtbehörde kontrolliert. Und die Schützen zogen ja auch wirklich zum Schießwettbewerb aus. Hätte nicht jeder seine Waffe mit sich geführt, wäre es entweder eine gewaltige logistische Herausforderung gewesen, vorher alle Waffen ans Schützenhaus zu bringen und sie dort zu lagern, oder die Schützen hätten mit ihnen unvertrauten Waffen schießen müssen. Marschieren ohne Gewehr stand also gar nicht zur Debatte, war auch vom Erscheinungsbild her eine befremdliche Vorstellung. Dann kam jedoch der 1.WK in die Quere. Aus Taktgefühl wollte das Schützenkollegium anschließend ab Wiederbeginn fünf Jahre lang kein öffentliches Waffenzeigen zulassen (1920 gab es zwar eh noch kein Fest, aber den Schießwettbewerb, wozu viele Vereine trotzdem mit Musik umherzogen). Wie sehr man mit dem Umstand haderte, läßt sich am Fehlen jeglicher Photos des Zeitraums ablesen. 1925 war zur großen Erleichterung der Schützen die Demutsphase überwunden. Infolge des 2.WK kam „bewaffnetes“ Marschieren nach allgemeinem Dafürhalten aber echt nicht mehr in Frage. Anders als in manch anderen Orten entstanden in Hannover auch keine Bestrebungen, den elementaren Gebrauchsgegenstand eines Schützen wenigstens als Attrappe nachzubilden. Unter den hannoverschen Vereinen soll wohl Diana List um 1980 mit Gewehrattrappen gegangen sein, mehr ist nicht bekannt. Der Grund, warum der Verzicht sich hier mit so großer Selbstverständlich­keit einbrannte und darüber hinaus auch sonst fast keine Exerzierhandlungen getätigt werden, liegt in der ungeheuren, unter Schützenumzügen radikal einmaligen Popularität des Schützenausmarschs in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Bei dem Winken, Bestürmtwerden und Blumenschleppen hatten die Schützen keine Kapazitäten frei. Ihnen fehlte nichts in oder an der Hand, sondern sie hätten im Gegenteil mehr Hände gebraucht. Überhaupt waren die unüberschaubaren Menschenaufläufe kein Umfeld, welches man mit waffenartigen Gebilden betreten muß. Daß ab Mitte der 1950er Jahre ohnehin auch nicht mehr zum Schießen ausmarschiert wurde, fiel angesichts dessen nichtmal ins Gewicht. Heute kann man im Zug oft zwei, drei Gruppen auswärtiger Schützen mit Gewehren/Gewehrattrappen beobachten. Ende der 2010er Jahre lud die Zugleitung sogar konkret dazu ein, in dieser Form aufzutreten.


Gewehrattrappen (und offenbar auch Gewehre?) sind beim Schützenausmarsch nicht verboten:


„Preußischer Präsentiermarsch“  +  „Heil dir im Siegerkranz“  +  „Es braust ein Ruf wie Donnerhall“:






Die Bahnhofstraße wurde vom Zug zwar nur gestriffen, als er am Kröpcke durchkam, doch hatte
sie für den warmen Empfang aller eintreffenden Gäste trotzdem den meisten Schmuck erhalten:



Festhalle 1903 (Zeichnungen von ihr gibt es viele, für den einzigen bekannten Photo-Nachweis hier klicken):



„Deutsches Bundesschießen“ 1903  (1955, 1965)

Auch 1903 gab es ein Städtisches Freischießen, allerdings Ende August, mit einem hastigen Schützenausmarsch auf kürzestem Wege am 24. d.M. Da war noch nicht bewältigt, was sich in der Stadt zur eigentlichen Schützenfestzeit zugetragen hatte. 1903 richtete Hannover nämlich das 14. Deutsche Bundesschießen aus. Der zugehörige Umzug startete am Sonntag, den 5. Juli, um 12 Uhr am Königsworther Platz. Es strömten derart große Menschenmassen herbei, unter anderem mit 22 Sonderzügen angerollt gekommen, daß von lebensgefährlichem Gedränge gesprochen wurde. Die Zuschauer kriegten Szenen zu Gesicht, wie sie in damaligen Verhältnissen utopisch angemutet haben müssen. 28 Wagen - 14 Festwagen und 14 klassische Kutschen - entfalteten nebst etlichen Reitergruppen eine kaum zu verarbeitende Pracht. Teils behandelten die Festwagen hannoversche oder schützenhistorische Motive, aber andere Kulturzweige steuerten aus ihrer jeweiligen Sphäre weitere gelungene Entwürfe bei (Gärtner, Sänger, Alpenverein, Kegler, Ruderer, Turner, Kolonialgesellschaft, Brauereien). Die Verantwortung für die gesamtheitliche Wagengestaltung hatte bei einem beauftragten professio­nellen Künstler gelegen. Zur Erreichung einer mystischen Aura wurden übrigens auch Frauen auf den Festwagen eingesetzt. Die Übergabe des Bundesbanners an Hannover fand diesmal auf dem Marktplatz am (Alten) Rathaus statt, der jedoch so klein ist, daß währenddessen der gesamte Zug eine Viertelstunde lang auf der Bahn gestockt haben mußte. Ziel des Umzugs war der Schützenplatz, auf dem extra nur für die Woche eine unfaßbare, 92 Meter lange Festhalle hingezaubert stand (an welcher Stelle, läßt sich auch grob nicht ermitteln). Die Schießwettbewerbe gingen in den Tagen danach vonstatten. Und anschließend wurden Sammelbilder all der Schönheiten herausgegeben! „1903“, das war ein Bundesschießen, welches sich zeitlich gut in Hannover einpaßte. Der Schützenausmarsch befand sich ja gerade in einem Transformationsprozeß, konnte daher sowohl den Schwung von außen aufnehmen, als ihn auch für sich und für Deutschland weitertragen.

Hannover bewarb sich wieder, Gastgeber des 21. Deutschen Bundesschießens zu werden, wozu es 1937 zwar nicht mehr kam, aber 1955, als man bei dem Anlaß auch mit dem Titel „Deutsche Schützenstadt“ versehen wurde. Bezeichnender­weise lag es an Hannover, gleich zwei der nach dem 2.WK nur noch drei statt­gefundenen Deutschen Bundesschießen auszurichten, 1955 und 1965. Anderen Städten fehlte es nun an Neigung und Substanz für solche Aufzüge. Auch Hannover konnte kein Hineinfunken gebrauchen, besaß die Stadt doch aus eigener Kraft ihren Schützenausmarsch, der jetzt gerade den famosen Idealzustand durchlebte. Beide Bundesschießen waren ins Hannoversche Schützenfest eingebettet, 1955 ohne Zeitverschiebung, 1965 mit dem Umzug am 27. Juni. Die Umzüge liefen jeweils sonntags ab, nachmittags am Neuen Rathaus startend, abends im vollbesetzten Niedersachsenstadion endend. 1965 wurde die Teilnehmerzahl von 13.000 ge­meldet. Beim Schützenausmarsch 1966 führten die hannoverschen Schützen das Bundesbanner erneut über die Runde (siehe Photo unten), sozusagen als Sieg­trophäe, und keine andere deutsche Stadt konnte sie daran hindern.







Zeichnungen von Schützen um 1900 sind meist nicht verwertbar, weil mit Idealisierung gearbeitet und mit den jeweils selben Motiven auch von Schützenfesten anderer Städte gegrüßt wurde. Besonders abstrakt wirkt auf Anhieb diese 1904 oder früher erschienene Grafik. Doch man beginnt hellhörig zu werden, wenn man das Schützenhaus in der Ohe sowie den Musikpavillon des Rundteils erkannt hat. Und was sehen wir denn da - die Zugfahnen der damals drei Züge! Vorneweg geht auch kein beliebiger Trommler, sondern der Ausrufer oder einer der sechs Tamboure! Seine Uniformfarbe wurde wohl aus gestalterischen Gründen nicht als richtiges Blau wiedergegeben; die Abgrenzung zu Grün ist dennoch deutlich genug. An den wunderbaren Darstellungen des längssitzenden Zweispitz-Hutes und der Trommel dürfte es gar nichts zu rütteln geben. Kritisch wird es dann beim Blick auf die Fahnenträger. Sollen die Bruchmeister zu der Zeit wirklich in Schützenvereinskleidung aufgetreten sein? Man beachte die Ärmelaufschläge, mit denen sie bewußt markiert sind. Aber nein, das ist in der Form nun nicht zu glauben.








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